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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Fr, 26.02.2010, 16:59 
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RetroRebel
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Vielen Dank! :)

Da ich hier gerade noch nicht sehr viel weiter gekommen bin, mal ein kurzer Eindruck von heute.


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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 16:16 
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RetroRebel
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::: Zorin [ Teil III ]

Wir treten in die Gaststube. Zorin ruft etwas auf rumänisch zu dem Mädchen an der Theke. Dann wendet er sich wieder uns zu. „So wenig Schnee wie dieses Jahr hatten seit 40 Jahren nicht. 40 Jahre! Nie gab es so wenig Schnee wie jetzt.“ Wir schauen hinab in das Vorland der Karpaten. „Von wo seid ihr gekommen?“ – „Szeged, dann weiter Richtung Osten.“ – „Dann seid ihr dort unten lang gekommen. In klaren Nächten sehen wir die Lichter von Lugoj. Auf der Landstraße dort unten gibt es einen Blitzer. Die Einheimischen wissen das, daher bremst dort jeder. Die Schlange der Bremslichter, die sieht man bis hier oben. Und umgekehrt, wenn wir das Flutlicht anschalten, dann kann man das bis weit in die Ebene sehen.“ – „Das ist vermutlich eine gute Werbung.“ – „Ich hoffe. Wissen Sie, das Problem ist, wenn ein Schigebiet erstmal geschlossen ist, dann vergessen es die Leute. Im ersten Jahr denken sie vielleicht noch daran, im zweiten Jahr vielleicht auch, aber dann nicht mehr. Muntele Mic war drei Jahre geschlossen, es gut wenn sich die Leute erinnern, dass es uns gibt.“

Das Mädchen bringt Gläser mit Schnaps. „Ah, das ist ein Schnaps, den mein Großvater angesetzt hat, der ist dreißig Jahre alt! 30! Salute!“. Wir stoßen an, der Schnaps schmeckt außergewöhnlich und gut, mir jedenfalls. „Sehen Sie, für mich ist das alles hier ein Hobby. Ich mache eigentlich etwas ganz anderes, aber dieses Schigebiet, hier habe ich schifahren gelernt, das liegt mir am Herzen. Mein Vater war am Bau des ersten Liftes hier oben beteiligt, vor über 50 Jahren. Seit ich denken kann war ich hier. Mit sowas wird man nicht reich, wenn es gut läuft, dann verliert man am Ende kein Geld – und das ist schon viel wert! Aber ich möchte, dass die Leute hierher kommen, dass sie das sehen und hier schifahren können. Die Schigebiete bei Bukarest, dort fließt viel Geld hin, hier nicht. Uns hilft niemand, wir müssen das selbst in die Hand nehmen, aber das passt schon. Manchmal muss man ein bisschen wissen wie, aber es geht. Aber dieses Jahr macht uns der Schnee wirklich das Geschäft kaputt.“

Er schweigt einen Moment.

„Vor zwei Wochen noch, als der Lift kaputt ging, da lagen hier oben fast 2m Schnee. Es hat Tage gedauert bis der Traktor hier oben war, vorher mussten wir allen von Hand erledigen, die Seilscheibe ablassen, aber das habe ich Ihnen ja schon erzählt. Jetzt ist kaum noch Schnee da, wirklich so einen schlechten Winter hatten wir schon lange nicht mehr…“. – „Wir haben unten am Hotel Reste eine alten Liftes gesehen, stand der hier mal?“ – „Ah, nein, das war ein Vorgängerversuch von jemandem, hier wieder einen Lift hinzustellen. Aber es ist nichts passiert. Wissen Sie, die Leute erzählen immer viel, aber meistens passiert dann nichts. Wir haben 2004 hier angefangen, ich habe das Hotel gekauft und dieses Restaurant gebaut, zu viert haben wir die Lifte wieder flott gemacht. Anstelle des Liftes, der kaputt gegangen ist, stand vorher ein Lift aus den 50er Jahren. Wir haben diesen hier aus Corvara gekauft und aufgestellt. Dort wo der Lift stand, dort gab es drei weitere Lifte. Wenn der erste überlastet war, haben sie den zweiten eingeschaltet. War der auch überlastet, den dritten. Dieser hier war der vierte, es ist quasi nie gelaufen, wir haben ihn mit wenigen tausend Betriebsstunden gekauft.“

„Wenn der Vorgängerlift aus den 50er Jahren stammte, der Sessellift aber erst 1976 gebaut wurde, wie ist man früher hier herauf gekommen?“. Zorin lacht herzhaft. „Na, zu Fuß! Und mit Pferden! Wir haben das noch so gemacht.“. Das Mädchen bringt eine weitere Runde Schnaps. „Nächsten Sommer bauen wir eine Kabinenbahn von der anderen Seite herauf, dann wird die Anfahrt einfacher. Und einen Sechsersessellift, auf der Rückseite, kuppelbar, beide gebraucht.“ – „Wo stammen die Anlagen her ?“ – „Die Kabinenbahn ist aus Ischgl, das ist die mit den zwei Antrieben, einen oben und einen unten. Bei dem Sessellift weiß ich das nicht so genau, da war ich nicht dabei, als der gekauft wurde.“ Er ruft etwas zu einem Bekannten. „Der muss aus der Gegend von Brescia sein.“ – „Könnt ihr einfach so eine kuppelbare Sesselbahn wieder aufstellen? Das ist vermutlich ja schon ein bisschen komplexer als bei einem Schlepplift.“ – „Wir haben dann zwei Leute von Doppelmayr, die vor Ort sein werden. Aber grundsätzlich geht das schon. Sehen Sie, ich habe ein Unternehmen, das große hydraulische Anlagen herstellt, wir haben da schon ein bisschen Know-How.“.

Und so unterhalten wir uns. Zorin bestellt Essen für uns, eine grandiose Suppe und dann Schweinshaxe in einer Biersoße, ein Familienrezept, wie er sagt. Mittlerweile sprechen wir italienisch, Zorin hatte uns erzählt wie er in den 80er Jahren noch vor der Wende nach Deutschland gegangen ist, sich dort alleine durchgeschlagen hat, schließlich in einem Kofferraum durch die Schweiz nach Italien weiter. Von da an ging es bergauf. Für uns ist es faszinierend, dass das alles hier existiert. Niemand fragt nach LED-Anzeigen zur Steuerung des Aussteigevorgangs am Sessellift, niemand nach Frequenzen am Schilift, die Lifte laufen wieder, weil ein paar Leute wollen, dass sie laufen! Und wissen, wie man so etwas macht.

Kris, der den Großteil der Nacht gefahren ist, geht recht früh schlafen, ich spreche noch länger mit Zorin, über Rumänien früher und heute, die EU mit ihren Chancen und Tücken („ein Kubikmeter Papier, nur für einen Lift, das ist Wahnsinn… manchmal muss man die Dinge dann einfach tun.“), Neapel natürlich („was für eine Stadt…“). Später dann, der Westwind pfeift um die Blockhütte am äußersten Ausläufer der Karpaten, liege ich im Dunkeln im Bett und reflektiere all die Eindrücke des Tages, die Momente und Gespräche, Dialoge und Inspirationen. Eine andere Welt ist dies – und sie fasziniert mich wahnsinnig!

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 18:32 
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RetroRebel
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::: Stürmische Höhen, Schatten - Muntele Mic

Am nächsten Morgen treibt der stürmische Westwind tiefhängende dunkle Wolken über die kahlen Gipfel. Wir frühstücken, es gibt sehr guten Cappuccino, Zorins Zeit in Italien scheint ihre Spuren hinterlassen zu haben. „Caffè, Cappuccino, was ihr wollt! Es ist alles da!“.

Wenig später dann steigen wir die wenigen Meter zum Lift hinauf. Noch steht die Anlage, Zorin ist schon vor Ort und leitet die Leute an. „In wenigen Minuten geht es los. Wir hatten noch ein paar Probleme an der Bergstation, die wir gestern nacht im Sturm nicht mehr in den Griff bekommen haben.“ – „Gibt es sowas wie einen Skipass?“. – „Nächstes Jahr werden wir ein SkiData-System einführen, die Geräte sind schon da. Aber im Moment erstmal nicht. Fahrt einfach, und dann sagt ihr am Ende, wie oft ihr gefahren seid. Ok?“.

Ein kurzer Ruck, dann läuft der Lift als hätte einfach jemand den Strom angeklemmt, von Null auf 3,5 m/s, volle Fahrt, ohne Übergang. Die Auffahrt ist nicht gerade einfach, die Trasse ist nach dem Stillstand weder gespurt noch gewalzt und auch nicht überall liegt Schnee. Zudem quert man Hänge, die schräg zur Fahrtrichtung verlaufen – Rumänien ist ein Land, das die Sinne fordert. Man muss denken beim Handeln, geschickt sein, über Fertigkeiten verfügen. Das alles nimmt einem niemand ab – umso intensiver ist das Erlebnis.

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Der Einstieg am linken Lift, frisch nach der Reparatur ist Kris der erste Skifahrer, der diesen Lift benutzt. Keine Trasse, nichts! „No Country for young men!“

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Liftfahrt im weißen Nichts. Seltsames Gefühl, frei irgendwie - und großartig!
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Bergstation des neuen Liftes, die Schneelage ist wahrlich nicht grandios, aber darauf kommt es heute auch nicht an.


Die erste Abfahrt erfolgt entlang der Lifttrasse, dort ist der Schnee noch am besten. Insgesamt liegt wirklich sehr wenig Schnee, vor allem wenn man an die Bilder aus dem Netz denkt, die tiefhängenden Wolken erzeugen eine faszinierende, extrem düstere Stimmung – auch wenn diese hier eigentlich gar nicht hergehört.

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Wir sind immer noch die einzigen in diesem Teil des Schigebietes, der Wind pfeift kräftig über die kargen Höhen, wir suchen unseren Weg hinüber in den anderen Schigebietsteil, zu dem alten rumänischen Skilift aus den 70er Jahren. Dessen leuchtende Farben in der Düsternis faszinieren mich…

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Das alte Betonhäuschen, das einst den Schleppliftwärter beherbergte.

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Stürmische Carpartenhöhen…

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Blick in die Tiefebene, dafür der weite Rücken, den der “Telescaun Muntele Mic” in langer Fahrt quert. Ebenfalls zu sehen, die Straße, die von links herauf kommt, in Verlängerung der Zufahrt zu Talstation.


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Wir fahren die einzige markierte Piste hinab. Trotz des Regens und der schlechten Sicht, trotz Anfahrt im längsten Sessellift Europas nach Ewigkeiten auf einer Schlaglochpiste – trotzalldem ist das Schigebiet erstaunlich gut besucht. Bei gutem Schnee bietet es auch sportlich interessantere Abfahrten am Sessellift und auch die Tiefschneemöglichkeiten dort könnten vielversprechend sein, auch wenn es sich insgesamt natürlich ein eher gemütliches Schigebiet handelt, das nicht an alpinen Maßstäben zu messen ist. Für das Gefühl, hier schizufahren, macht das allerdings keinen Unterschied!

Die Pisten an den Schleppliften sind eher leicht, interessanter wird es vielleicht mit den neuen Anlagen auf der Rückseite. Genial ist jedenfalls der Blick in die Tiefebene, bei besserem Wetter wären zudem die höheren Zweitausender der Carparten zu sehen. All das bleibt uns heute verborgen – leider! Wir lassen uns davon aber nicht beirren – und haben genauso viel Spaß wie all die Rumänen hier oben.

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Wir trinken etwas, schauen dem bunten Treiben zu, dann beschließen wir aufzubrechen. Die Distanzen in Rumänien wachsen mit den maroden Straßen ins Gigantische, auch lassen sich diese Straßen teils nur schwer um Dunkeln fahren. Mittlerweile ist es viertel vor eins, die Lifte würden zwar noch bis nach Sechs (sic!) laufen, wir aber streben die Talabfahrt an.

Wir suchen Zorin auf, der Abschied ist herzlich. „Vielleicht kommt ihr eines Tages wieder einmal vorbei…“. – „Sehr gern. Sag mal, wie sieht es mit der Talbabfahrt aus?“. –„Hm… der Schnee ist nicht sehr gut …“, er schüttelt den Kopf nachdenklich. „Also ihr müsst der Straßen folgen, hier und da kann man abkürzen. Es sind ungefähr 14km.“.

„Vierzehn Kilometer, wow…!“, denke ich. Ein letztes mal fahren wir mir dem neueren der Lifte hinauf, queren an der Bergstation des alten rumänischen Liftes vorbei und fahren dann in den Hang nach Süden. Sonne und Wind haben der Schneelage nicht gut getan, wir hoffen, dass es im Wald etwas besser wird. Wir stoßen bald auf die Straße, die sich nach Südosten in die Carparten hinein windet, weit weg von den Häusern und Anlagen, in der Ferne vis-à-vis sehen wir die Stützen des „Telescaun“, des alten Sesselliftes.

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Die Straße ist nicht sehr steil, man kommt kaum ohne Schieben voran, wir haben die Hoffnung, dass es im unteren Teil besser werden wird. Nach etwa einem Kilometer tangiert die Straßen eine weite Passhöhe, dort finden wir die Reste einer EUB – die Anlage aus Ischgl, die hier neu aufgebaut werden soll. Ich hatte am vorigen abend schon gemutmaßt, dass es sich hierbei um die Fimbabahn handeln müsse– und hier finden wir den Beweis. Wir schauen ein wenig, dann brechen wir auf, weiter auf dem Weg gen Tal.

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Die Straße führt weiter und weiter in die Wildnis, die letzten Reste der Zivilisation und Blicke auf das Schigebiet sind längst verschwunden. Da ihr geringes Gefälle beinahe die ganze Zeit Schieben erfordert, entschließen wir uns, älteren Spuren in eine der Abkürzungen zwischen den Kehren zu folgen. Tatsächlich liegt aber auch hier im Wald nur mehr sehr wenig Schnee – was Zorin, Kris und ich bei unserer Einschätzung der Talabfahrt alle nicht bedacht hatten: hier unten es hat die ganze Nacht warm geregnet! Die heutige Schneelage ist mir der gestrigen nicht mehr vergleichbar.

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So ist das Abfahrtsstück im Wald mittlerweile kaum mehr fahrbar, zu viele Steine, Äste, Wurzeln sind im Weg. Bei der nächsten Gelegenheit wechsele ich zurück auf die Straße, was mir viele Kehren noch weiter hinein in die Carpartenwälder einbringt, während Kris hingegen direkt querfeldein fährt, am Ende dann schließlich durch den Wald absteigt. Gerade erst ein Viertel der Gesamtstrecke haben wir geschafft, als wir einander wieder treffen.

Von nun an folgen wir beide Straße, ich halte Abstand, weil der Schnee kaum mehr ausreicht, um beide Schier parallel zu führen, nicht selten muss man einen Schi anheben, oftmals im letzten Moment auf ein anderes Schneeband springen. Je weniger der Schnee wird, desto schwieriger und gefährlicher wird die Fahrt, denn es ist kaum mehr möglich zu bremsen und auf den Asphalt zu fallen ist wohl – neben den Folgen für die Schi – so ziemlich die schlimmste Art zu stürzen , die ich mir vorstellen kann.

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Irgendwann kommt schließlich der Punkt, den niemals zu erreichen ich bis zuletzt gehofft hatte: das Ende des Schneebandes! Es regnet in Strömen, ich bin irgendwo mitten in den Carparten und habe noch mehrere Kilometer Asphaltstraße in Schischuhen zu laufen vor mir. Na toll!

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So wandere ich hinab, Kehre um Kehre durch die dunklen Nadelwälder, hier und da findet sich noch einmal ein Schneeband, aber weit reichen diese nicht mehr. Im Nachhinein betrachtet wäre der Sessellift, dessen Talfahrt wir ohnehin bezahlt hatten, möglicherweise die bessere Option gewesen. So ganz verstehe ich die desaströse Schneelage auch immer noch nicht. Ich hatte das Ende der Piste gestern noch aus dem Lift gesehen: dort fand sich eine geschlossene Schneedecke, die sehr gut eingefahren war, so dass sie trotz des Regens hätte bis heute halten sollen.

So grübele ich während ich durch den Regen das Tal hinab laufe. Die Straße windet sich weiter in Kehren, langsam verliere ich an Höhe, sogar der Schnee wir wieder mehr. „Natürlich!“, fährt es mir durch Kopf. „Der Talgrund! Hier unten ist es kühler und schattiger gewesen, auch vor dem Regen schon.“. Das ist auch der Grund, warum ich mich so über den Zustand der Piste geirrt habe. Ich habe nicht bedacht, dass der Schnee nach oben erstmal schlechter werden würde.

Ich schnalle wieder an. Die Schi laufen, die Schneelage verbessert sich deutlich bis fast wieder eine geschlossene Schneedecke vorhanden ist. Die Straße folgt auf den letzten Kilometern dem Bach am Grunde des Tales, einige wenige Minuten, dann kommt der Schlagbaum in Sicht, hinter der nächsten Kurve der Sessellift.

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Faszinierend in das Bachbett integrierte Station.

Über zwei Stunden haben wir benötigt… zwei Stunden! Und wir hatten noch Glück, dass der Schnee so weit hinab gereicht hat. Einen Tag später und wir wären wohl deutlich weiter oben gestrandet. Das Erlebnis der Abfahrt und Wanderung in den einsamen Wäldern aber war faszinierend. „Hier gibt es tausende von Bären“, hatte uns Zorin schon erzählt. „Es sind so viele, dass es nicht mal eine Abschussquote gibt. Manchmal kommen sie abends an die Häuser“. Es ist eine seltsames Gefühl, durch diese Wälder zu gleiten, so anders als bei uns. Ich denke an Canada, damals, dort war es auch dieses Wissen, dass jenseits der Straße auf viele Meilen nur noch Wald folgen würde, dass, wenn man sie hier verließe, man tagelang durch das Nichts wanderte, bevor man irgendwann, sehr viel später, vielleicht mal wieder Spuren menschlicher Zivilisation träfe.

Es ist eine seltsame Mischung aus Regen und Licht, unter der wir die Schlaglochpiste zurück aus den Bergen rumpeln, vorbei an den einfachen Dörfern, teils ärmlichen Lagern der Sinti, viele Eindrücke mischen sich in diesem Land, dessen Antlitz noch so neu für uns ist. In einer Sekunde lassen einen Weite und Schönheit der Landschaft den Atem anhalten, dann wieder passiert man wundervoll rauschende Bäche im Unterholz, deren Ufer versinken im Plastikmüll. Pferdefuhrwerke passieren wir, manchmal auch Gruppen von Einheimischen, die uns weniger freundliche Blicken senden, Orte, die zur Vorsicht mahnen, die Kontraste werden greller hier, und wir sind das eine Extrem.

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Gegen halb vier erreichen wir Caransebeş, den Hauptort unten im Tal. Von hier aus führt unser Weg erst nach Norden und dann weiter nach Osten, nördlich der Karpaten entlang in das Herz Rumäniens. Die Weite, die Straßen durch die Leere, die Natur und das Licht – Kilometer rauschen vorbei, sind jedoch nichts als Schatten, im Spiegel verblassend …

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 18:54 
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Vielen Dank für den einzigartigen Bericht, trincerone!
Diese unendlichen Weiten sind ebenso faszinierend wie die mentalität der Menschen dort. Man könnte schon fast meinen, eine andere Welt - fernab von LED Hinweistafeln und Förderbändern.

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"Arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer viel braucht." -Peter Rosegger.


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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 20:41 
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Schließ mich Schmittenfahrer mit ganz dickem Dankeschön gerne an.
Schon aufgrund der Location und den genialen alten Anlagen wird das ein Fall für die Berichtsfavoriten; von Deiner außergewöhnlichen Fähigkeit, auch die Stimmung in Bildern einzufangen red ich da noch gar nicht :!:

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Grüße von Markus

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 21:57 
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Puh, dagegen war ich bisher in GR und BG ja in Top-Alpen-Mäßigen Destinationen.

Zitat:
So wenig Schnee wie dieses Jahr hatten seit 40 Jahren nicht. 40 Jahre!
.. und ausgerechnet heuer müssen wir in die Gegend wollen!!! Mist...

Aktuell meldens noch 30cm, so ziemlich das gleiche wie vor 1-1,5 Wochen, als ihr da wart. Ohne die DSB-Abfahrt ists wohl für mich nur halb so toll, und ob ich nächstes Jahr noch hin muss, wenn da eine 6KSB steht und die DSB im Winter vmtl. nicht mehr fährt, ist auch fraglich.

Andererseits steht da
Zitat:
Se poate schia pe toate partiile .
ebenso wie vor 1-1,5 Wochen, d.h. aber auch die Abfahrt an der DSB-Mittelstation hätte offen sein sollen? Seid ihr sicher, dass die nicht offen und nicht fahrbar war?

Und die Talabfahrt ist wohl immer noch offiziell offen:
[url]http://www.romaniaturistica.ro/info-schi-detalii-ski-stare-partie-Măloasa-Muntele-Mic-CARAS-SEVERIN-106.html[/url]

.. muss man nicht verstehen.

Aber dass der Papierkrieg in der EU so viel stärker sein soll als im Kommunismus?

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Neu: Überblick Berichte Ski-Saison 1.10.2019-30.9.2020 (104 Tage, 66 Gebiete)


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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 23:30 
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Wie das im Kommunismus war mit dem Papierkrieg weiß ich nicht, ich denke da gab es vermutlich gar keine privaten Betreiber. Der Vergleich bezog sich wohl mehr auf die Zeit danach, und es ging weniger um die EU als solche, sondern um die generelle Sinnlosigkeit einer solchen Bürokratie, die verhindert, dass jemand mit Kapital und einer Idee, diese Idee auch umsetzt.

Auf die Webseiteninhalte würde ich nicht so viel geben, was Aktualität angeht, ohne Neuschnee geht die Talabfahrt mit Sicherheit nicht und die Mittelstationsabfahrt ging wohl schon bei unserem Besuch - wenn überhaupt, und auch das bezweifle ich - nur höchst minimalistisch, also mit viel Abschnallen und um die Bäume rumlaufen und so.

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So sah es vor dem Regen aus, danach ist nochmal alles massiv dezimiert worden. Aber vermutlich hat es geschneit, die Frage ist nur, wieweit runter.

Die DSB soll nach Bau der EUB weiter laufen, bei Zubringer sollen verschiedene Ballungsräume bedienen (wobei ich da persönlich dennoch ein kleines Fragezeichen sehe). Ob die KSB und die EUB wirklich diesen Sommer fertig werden, wird sich mE auch erst noch einmal zeigen müssen. Im übrigen ist das mE auch dann immer noch einen Besuch wert. Remodellation zB ist ein Fremdwort und auch sonst der ganze Style da oben wird sich dadurch kaum ändern. Genauso wie sich das 3A durch den neuen Lift nur marginal verändert hat. Im übrigen wär das eher mal interessant zu sehen, wie moderne Anlagen dann wirken, wenn sie dort stehen.

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: So, 28.02.2010, 23:40 
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Ich kann mir nicht helfen aber ich muss bei Zorin die ganze Zeit irgendwie an den da denken...

Alles weitere wurde ja schon gesagt, ich bin jedenfalls genau so gebannt dabei wie vermutlich die meisten hier.

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Mo, 01.03.2010, 6:26 
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Super Bericht der eine wirklich eindrucksvolle Atmospäre vermittelt.

Im übrigen werde ich in 2 Wochen auch in Carpathia sein, nur andere Himmelsrichtung und anderes Sportgerät. :mrgreen:

http://maps.google.de/maps?ie=UTF8&q=karpathos&fb=1&gl=de&ei=Yk-LS-vEO9e9sAbJ94HIBg&ved=0CBYQpQY&hl=de&view=map&geocode=FbXKHQIdCz2fAQ&split=0&hq=&hnear=Karpathos+Dodekanes,+Griechenland&ll=35.496456,27.213135&spn=0.875436,1.408997&z=10&iwloc=A

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Mo, 01.03.2010, 10:53 
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k2k hat geschrieben:
Ich kann mir nicht helfen aber ich muss bei Zorin die ganze Zeit irgendwie an den da denken...
Ich eher an diesen AF - Member:
http://www.alpinforum.com/forum/memberl ... ile&u=3197

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Mo, 01.03.2010, 12:12 
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@Steffen: ich auch, auch da oben schon. Darum habe ich auch den Namen adaptiert, in Wirklichkeit ist der nämlich leicht anders. ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Mo, 01.03.2010, 14:26 
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::: trincerone hat geschrieben:
@Steffen: ich auch, auch da oben schon. Darum habe ich auch den Namen adaptiert, in Wirklichkeit ist der nämlich leicht anders. ;)

Jaja, die Freiheit der Kunst ;-)
Ein ganz klein bisschen hab ich ja erst sowas vermutet, aber nachdem ich dann den Wikipedia-Artikel gelesen hatte war ich wieder am zweifeln, da ich Zorin in meinem Gedächtnis allgemein unter "Ostblock" eingeordnet hatte und nicht unter DDR.

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Mo, 01.03.2010, 15:53 
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Der Name kommt auch aus dem rumänischen, richtig heißt er Sorin. Die Aussprache im englischen ist identisch mit engl. "Zorin". Insofern nur sehr wenig künstlerische Freiheit. ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Mo, 01.03.2010, 22:46 
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::: Fremde Weite nahebei

Endlose Lande, gleitende Schemen, Licht und Schatten. Anders alles, offen und frei wie der Atemzug beim Hinaustreten in den klaren Wintertag, wie der Geruch der Luft an einem Frühlingsmorgen, wenn es die Nacht hindurch noch geregnet hat. Es ist die Reinheit und Stimmigkeit all dessen, welche diese Stunden und Minuten prägt. Hier gibt es das Land und den Himmel. Dazwischen filigran die Straße, ein dünnes Asphaltband zum Horizont, keine Schilder, keine Planken, keine Reflektoren. Erde und Asphalt, Straße und Lande – sonst nichts. Regen und Licht wechseln einander ab, langsam ändern sich die Farben und Formen, die Dörfer werden seltener, die Weite noch ungreifbarer. Manchmal quert man Höhen und die Straße stößt hinab in ein weiteres unberührtes Tal. Wild wachsen Bäume, Sträucher und Gräser am Rand, keine Felder oder Forstkulturen formen geometrische Reihen, weicher Fluss natürlicher Linien zwischen zwei Horizonten. Ein minimalistischer Punkt in der Mitte, nur gedanklich, bewegt sich langsam zwischen den Grenzen des sichtbaren Firmamentes – unbedeutendes „uns“.

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Der Blick schweift weit, ich erinnere meine Kindheit. Die Simplizität der Infrastrukturen, der Materialien, Holz, Stein, gedeckte Farben auf Metall, die Komplexität der Natur, Bachläufe, an denen sich die Bäume gruppieren, kahle Höhen, die der Wind überstreicht, Mischwälder mit dichtem Unterholz, die niemand gangbar macht. Das alles fasziniert mich, ist das Urbild all der Orte, die mir so viel bedeuten.

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Wo sind wir heute, wenn wir rastlos durch unsere Perfektion irren? Wir können in Sekundenbruchteilen mit jedem Menschen auf der Erde kommunizieren, und haben doch oft keine Worte. Wir können in wenigen Stunden jeden Ort in Westeuropa erreichen, und haben doch oft kaum mehr Ziele. Wir können was immer das Herz begehrt im Markt in unserer direkten Nachbarschaft erwerben – und suchen doch nie das zu finden, dessen wir bedürfen. Westeuropas Glanz – leere Heimat heute.

Sehnsucht und Erfüllung, ein bisschen für diese Kontraste stehen die Impressionen dieser Fahrt, die Landschaften. Nicht in der Realität ihrer Existenz, sondern in den Bildern, die sie zu mitteln verstehen. Sie streichen vorbei, wie meine Gedanken, sie und ich jedoch sind ihnen gleich, bedeuten nichts. Ein Tropfen auf der Windschutzscheibe, welcher das Licht vor ihm bricht und im Wind über das kalte Glas eilt, um am Ende zu verschwinden, wie all jene Tropfen vor ihm schon… und die danach. Landschaften geformt in Gedanken, Gedanken verkörpert in Landschaften.

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Gasleitungen laufen gelb außen an den Häusern entlang, jedes Tor bedarf einer Überführung.

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Die Erde wird röter, das Licht weicher, in der Ferne jenseits der Wolken eine Dämmerung, deren Reflektion die Risse der Wolkenmauern durchdringt. Der Asphalt wir rissiger, einzelne Lichter passierender Wagen voraus, im Zwielicht des Wechsels zwischen Tag und Nacht halten wir. In der Einöde markieren Silhouetten den Horizont, Vorboten des düsteren Monuments einer anderen Ära.

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Gespenstisch ragen die Stahlbetonskelette in den Himmel. Diese verwitterten Kolosse sind Memorien. Zeugen eines vergessen Traums, verlassen in der Wildnis. An der Seine erklingt Musik, in Călan rauscht leise bloß der Wind. An der Pont d'Iéna funkeln tausend Reflektionen im Wasser, im Combinat Victoria jagt das verblassende Zwielicht die Schatten. Auf der Avenue de New York flanieren verliebte Paare, durch die einstigen Werksstraßen weht heute nur der Staub. Und während hier einzig düstere Schlote in den Himmel ragen, erstahlt der Tour d’Eiffel in voller Pracht. Und die Paare spazieren von der Avenue de New York über den Pont d’Iéna auf das andere Seineufer und lauschen der Musik, während sie die filigranen und doch gigantischen Stahlträger des Eiffelturms passieren. Und niemand denkt dabei an jenen vergessen Ort Călan, in Transsylvanien, woher einst der Stahl das Eiffelturms stammte.

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Das letzte Licht des Tages verblasst, als wir auf die rumänische Nordroute treffen, die Straße zwischen Arad und Sibiu im Norden der Carpathen eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen des Landes, die Einsamkeit liegt nun zurück. Die Straße hier ist besser ausgebaut, vielfach mit EU-Geldern auf westeuropäische Standards gebracht, der dichte Verkehr lässt uns hingegen kaum schneller vorankommen als zuvor. Als Ziel haben wir zunächst Sibiu vorgesehen, das alte Hermannstadt, Kulturhauptstadt Europas 2007 und Herz des alten Siebenbürgen. Für etwas humoristische Abwechslung sorgt unser Navigationsgerät, als es fröhlich verkündet: „In 42 km bitte wenden!“.

Sibiu passieren wir gegen acht Uhr abends. Wir überlegen kurz, ob wir hier ein Hotel suchen sollen, allerdings sind es bis zu unserem nächsten Ziel – Balea Lac – noch weit über sechzig Kilometer. Insbesondere ich dränge darauf, weiter zu fahren, weil die ersten Erfahrungen in Rumänien gezeigt haben, dass Distanzen mit unserem Zeit- und Streckengefühl nur sehr schwer einzuschätzen sind. Insgesamt ist unser Zeitplan sehr eng und eigentlich wollten wir bereits gestern in Balea Lac schifahren, jedenfalls aber heute. Beide Male sind wir an den Distanzen gescheitert, und bereuen es auch sicher nicht, denn der Abstecher nach Muntele Mic hätte nicht fehlen dürfen. Dennoch liegen faszinierende Ziele vor uns und ich möchte ungern noch mehr Zeit auf Straßen verlieren, so spannend sie mitunter sein mögen.

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So folgen wir einer kleinen Passstraße über einen flachen Sattel nach Avrig und dann der Hauptroute zwischen Sibiu und Braşov weiter in Richtung Făgăraş. Bei Cârţişoara zweigt die unscheinbare DN 7C nach Süden ab, streift ein paar kleine Dörfer und windet sich dann einsam hinauf in die Südcarpathen. Zu Beginn passiert sie noch einige unscheinbare neuere und wenig einladende Hotels, dann verliert sie sich in den ewigen einsamen Wäldern der Berge.

Minuten um Minuten klettert die Straße durch den Wald, eine im Winter verwaiste Route. Im Sommer quert diese höchste Straße Rumäniens den Carpathenhauptkamm in einem Scheiteltunnel, bevor sie den langen Tälern nach Süden folgt. Im Winter hingegen führt sie in eine unwirtliche Sackgasse: Balea. Diese Gegend ist eine der schroffesten, wildesten und schönsten der Carpathen, vom winterlichen Ende der Straße führt nur noch eine kilometerlange Pendelbahn in die weißen Höhen dieses Gebirges. Oben finden sich ein paar Rifugi, ein selbst gebauter Seillift und eine spektakuläre Freerideabfahrt zurück ins Tal. Das zumindest konnten wir dem Netz entnehmen, soweit sich Informationen finden ließen. Ob die Bahn überhaupt fährt, wissen wir nicht, es sieht aber so aus.

Es beginnt mich zu beunruhigen, dass wir seit Kilometern weder andere Fahrzeuge noch irgendwelche Hotels noch sonstige Infrastruktur gesehen haben. An einem Ort, wo es eine solche Seilbahn gibt, müsste eigentlich zumindest irgendetwas davon zu finden sein. Kris hat schlechte Laune, weil er meint, dass es Quatsch ist, mit dem Auto in die Berge hinauf zu fahren, wenn möglicherweise die Seilbahn nicht fährt, meines Erachtens werden wir das aber kaum heraus finden, wenn wir nicht nachsehen.

Unerwartet passieren wir an einer Kehre die Lichter zweier Häuser, dann, wenige Meter danach, eine Barriere: die Straße ist ab hier gesperrt. Wir wenden, finden verwaiste Buden, ein Wirtschaftsgebäude der Straßenmeisterei und einen trübe beleuchteten Koloss, den wir für einen Apartmentblock halten. Irgendwo hinter diesen Schatten muss die Talstation der Pendelbahn gelegen sein, wir können aber nichts erkennen. Ansonsten ist hier oben gar nichts, ein gottverlassener Ort in einem steilen engen Tal, unwirklich und fast unheimlich.

Bevor wir unverrichteter Dinge wieder abreisen, schauen wir uns den Apartmentblock noch einmal genauer an. Der Wind treibt den Regen um das gespenstische Bauwerk, ein wahrlich unwirtlicher Ort. Auch meine Stimmung sinkt, es ist nun bereits sechs Stunden her, dass wir Muntele Mic verlassen haben und bereits nach 21.00 Uhr. So langsam möchte ich einfach nur noch ankommen. Ich gehe ein paar Stufen hinauf und siehe da: es findet sich eine kleine Aufschrift „Camere“ auf eines der Fenster geklebt.

Ich gebe Kris Bescheid, wir erklimmen die restlichen der brüchigen Stufen und passieren die alte heruntergekommene Tür. Drinnen herrscht düsteres Neonlicht, er stinkt nach altem Rauch und dem Mief der sozialistischen 70er Jahre Epoche, der dieses Bauwerk entstammt. In einer dunklen Ecke schluchzt unentwegt ein Mädchen, ein paar Männer stehen in einer Ecke, sonst scheinen wir allein. Wir sehen einander an. Wo zu Hölle sind wir?

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http://www.youtube.com/watch?v=7kQNFyEI2rs

... the echo of a distant time ...


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 Betreff des Beitrags: Re: ::: Carpathia [ -2010- ]
BeitragVerfasst: Di, 02.03.2010, 9:43 
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Das ist aber fies da jetzt einfach zu unterbrechen :wink:.

Du verstehst es wahrlich Spannung aufzubauen...


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