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BeitragVerfasst: Mo, 15.03.2021, 20:04 
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Hallo zusammen,

basierend auf einer Diskussion beim "großen Nachbarn" habe ich einen Text verfasst, der sich mit der Bewertung der Sinnhaftigkeit von Neuinvestitionen in Skigebieten / Wintertourismusgebieten befasst. Da mich das Thema nicht nur "hobbymässig" interessiert, sondern ich nach schon anderen Arbeiten in diesem Bereich auch überlege dieses Thema weiter zu behandeln, möchte ich euch den Text als Einstieg zur Verfügung stellen und würde mich freuen, wenn es einige Diskussionsbeiträge zum Thema gäbe.

Es handelte sich dabei erst einmal um eine Betrachtung in den Mittelgebirgen, ich würde das ganze aber sehr gerne ausweiten und euch bei meinen Überlegungen einbeziehen - Daher im Folgenden erstmal der bestehende Text! Vielen Dank für eure Meinungen :)
Ich fand den Bericht recht interessant auch wenn ich in einigen Punkten nicht übereinstimme. Dennoch möchte ich gerne Stellung zum Thema an sich nehmen bzw. eher als ein Fazit Kriterien zur Bewertung derartiger Investitionen festlegen ohne einzelne direkt zu bewerten. Man verzeihe mir die sehr ausführliche Stellungnahme aber ich finde das Thema hochspannend und überlege das Thema in Zukunft ausführlicher im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit zu behandeln, nachdem ich ein ähnliches Thema nicht Skigebiete betreffend bereits derart behandelt habe (also quasi auch noch eine zusätzliche endlich ausgearbeitete Gedächtnisstütze für mich für die Zukunft), möchte evtl. auch mit dem MDR darüber in Korrespondenz treten und bin auch wenn nicht in den Mittelgebirgen doch direkt mit dem Thema befasst.

Zum Bericht selbst möchte ich garnicht zu viel sagen - Es gibt Dinge die gut recherchiert sind, es gibt Dinge die mir etwas aufstoßen weil sie negativ sind, es gibt Dinge da stimme ich zu. Alles was sich auf die derzeitige Ausnahmesituation bezieht möchte ich ohnehin herauslassen soweit es geht.

a) Bewertung von Vorhaben:

Grundlegend gibt es meiner Meinung nach 3-4 wichtige Punkte die bei einer Investition zu bedenken sind - diese sollten den meisten hier ohnehin bekannt sein, dennoch will ich vor einem Fazit diese nochmals kurz erklären.

1) Kurz bis mittelfristige Rentabilität:
Dies ist die erste Frage die sich ein Betreiber stellen wird. Kann ein Projekt in einem Zeitraum der villeicht 10-20 Jahre betragen mag die getätigten Investitionen amortisieren (im Falle eines Betriebs durch Zuschüsse und / oder Betrieb durch z.B. Gemeinde, Land etc.) bzw. die gewünschte Rendite erbringen? Dies wird durch mannigfaltige Faktoren beeinflusst, von denen die wichtigsten sicherlich die erwartete Anzahl an zahlenden Gästen und die erwartete Anzahl an Betriebstagen. Diese werden durch Gutachten berechnet und eine Kosten-Nutzen Rechnung aufgestellt.

2) Ökologie:
Inwiefern ist das Projekt ökologisch tragbar? Welche Flächen sind betroffen? Wie wird der potentiell angerichtete ökologische Schaden kompensiert? Welche positiven oder negativen Nebeneffekte die nicht direkt vor Ort messbar sind hat das Projekt auf die Ökologie?

3) Gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung:
Abgesehen von der Rentabilität des Liftbaus an sich steht auch im Raum inwiefern das Projekt den Standort selbst touristisch beeinflusst. Ist eine zusätzliche Wertschöpfung zu erwarten (auch über Gemeindegrenzen hinweg)? Gibt es Verlagerungseffekte innerhalb oder außerhalb der betroffenen Gemeinde? Kann das Projekt evtl. sogar negative Nebeneffekte auf die touristische Gesamtentwicklung haben? Wie wird die einheimische Bevölkerung das Projekt aufnehmen und bringt es ihr einen Gesamtnutzen? - Zu beachten ist hierbei wie im vorigen Satz schon angedeutet, dass der Gesamtnutzen nicht nur die von außen eingetragenen Effekte beinhaltet sondern auch jene die sich im direkten Umkreis ergeben z.B. Hinführung der Jugend zum Sport, Zusätzliche Wertschöpfung durch die einheimische Bevölkerung

4) Langfristige Entwicklung:
Ein sehr schwieriges Thema, welches meiner Meinung nach leider oftmals außer Acht gelassen wird gerade in Verbindung mit 1). Inwiefern ist das Projekt nötig oder behindert eine längerfristige Entwicklung - Beeinflusst eine Durchführung oder ein Scheitern des Projektes auf lange Sicht die Erfolgschancen des Skigebietes oder der Gesamtentwicklung des Ökologischen Lebensraumes, ja villeicht sogar der ganzen Region?

b) Arten von Vorhaben

Bei der Frage welche der o.g. Kriterien anzuwenden und wie diese zu gewichten sind stellt sich auch die Frage um was für eine Art von Projekt es sich handelt. Diese Unterteilung dient dazu in Verbindung mit oben genannten Kriterien einen objektiven Katalog zur Bewertung einzelner Projekte vorzulegen.

1) Kleiner Ersatz / Kleinräumige Korrekturen:
Ich war hier erst versucht das Wort notwendig zu verwenden dieses ist allerdings zu wertend. Es handelt sich hierbei m.E. um Maßnahmen wie z.B. den Ersatz eines Schleppliftes durch eine ähnlich Kapazitätsstarke dem Wesen nach verwandte Anlage wie eine Doppelsesselbahn die aufgrund von Schwierigkeiten im Betriebsablauf, aus Komfortgründen oder schlicht und einfach durch Ablauf der technischen Lebensdauer der bisherigen Anlage nötig werden. Ebenso zählen hierzu Geländekorrekturen in einem kaum merklichen Ausmaß wie z.B. die Entschärfung einer gefährlichen Kuppe (sowenig ich das als guter Skifahrer mögen mag) oder geringfügige Verbreiterungen von Pisten um z.B. eine bessere Ausnutzung einzelner Schneeerzeuger zu erreichen

2) Großer Ersatz / Großräumige Korrekturen:
Dies wäre beispielsweise der Austausch einer bestehenden Anlage ohne technische Not um Kapazitäten deutlich zu erhöhen oder Ströme im Skigebiet deutlich zu lenken. Genauso ist hier die komplette Remodellierung und Verbreiterung bestehender Pistenabschnitte oder deren Ausstattung mit einer Vollbeschneiung gemeint. Zudem würde ich hier auch die Schaffung neuer Pistenabschnitte oder die Ersetzung mehrerer Anlagen durch eine Anlage auf verschwenkter Trasse innerhalb des bereits bestehenden Skiraumes sehen, insofern diese nicht die Charakteristik von Punkt 3) erfüllen.

3) Neuerschließung / Erweiterung ohne Verbindungscharakter:
An sich selbsterklärend - Es werden neue Pistenflächen oder Anlagen außerhalb des bestehenden Skiraumes geschaffen. Hier zählen allerdings auch Neuerschließungen im bestehenden Skiraum hinzu die eine gravierende Änderung des Landschaftsbildes nach sich ziehen oder den Charakter des Skigebietes beträchtlich verändern bzw. diesen in einem sehr erheblichen Maße erweitern (ab ca. 10-20%).

4) Neuerschließung / Erweiterung mit Verbindungscharakter:
Erfüllt die Punkte unter 3) und zusätzlich werden dabei 2 Skigebiete miteinander verbunden, wobei dies eine potentiell erhebliche Vergrößerung des Angebotes mit sich bringt (Die Verbindung eines Gebietes mit 20km mit einem Einzellift fällt nicht hierunter)

5) Auflassung zum Zwecke der Punkte 2)-4):
Dies betrifft das Thema nur indirekt soll aber insofern nicht außer acht gelassen werden, als es durchaus eine Option sein kann gerade im ökologischen Sinne weniger attraktive Teile eines Skigebietes aufzulassen um eine Möglichkeit zu bieten eines der Projekte nach 2)-4) zu realisieren.

Nun also zum eigentlichen Thema:

Grundlegend würde ich Vorhaben nach 1) nahezu jederzeit als positiv bewerten. Diese sind meist nötig um die Infrastruktur vor Ort aufrecht zu erhalten also um eine auch langfristige Entwicklung des Ortes positiv zu beeinflussen. Dazu gibt es kaum ökologisch negative Auswirkungen gerade in einer ohnehin bereits als Kulturlandschaft zu bezeichnenden Natur wie sie im Mittelgebirge oftmals vorherrschen dürfte. Diese Vorhaben werden die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung in vielen Fällen nur insofern beeinflussen, dass eine geringe Verlagerung vor Ort stattfindet, allerdings kaum zusätzliche Wertschöpfung generiert wird. Bei den geringen Investitionssummen steht hier aber auch im Vordergrund einerseits eine kurz - mittelfristige Rentabilität, sowie andererseits die langfristige Rentabilität um zukünftige Generationen an den Sport heranzuführen oder aber den betreffenden Ort langfristig als Tourismusort zu erhalten bzw. diesem eine Perspektive zu bieten um einen Umstieg auf anderes zu erlauben.

Vorhaben nach 2) sind schon komplizierter zu beurteilen. Oftmals zielen solche Vorhaben erst einmal auf kurzfristige Rentabilität ab, welche aber wie durchaus richtig in dem Bericht des MDR erwähnt wird in manchen Fällen aufgrund von Gutachten errechnet wird welche, unter falschen oder zumindest sehr optimistischen Annahmen getroffen werden. Natürlich werden diese Gutachten gerne im Sinne der Betreiber erstellt, um evtl. Folgeaufträge zu generieren bzw. diesen nicht zu enttäuschen. Andererseits werden diese Gutachten dann wieder durch Naturschutzverbände torpediert. Hier besteht leider von Betreiberseite auch oft das Problem, dass diese Projekte ohne eine entsprechende Kommunikation gerade den entgegenstehenden Parteien gegenüber präsentiert werden. Eine gangbare Lösung des ganzen was die ökologische Seite betrifft, wäre ein frühzeitiger Kontakt zur ökologischen Seite um eine dogmatische Abwehrhaltung zu vermeiden. Dies würde auch ein gemeinsames Gutachten ermöglichen, welches beiden Seiten die Vor- und Nachteile und einen Konsens aufzeigen kann. (z.B. in Verbindung mit Auflassung nach 5) oder anderen Maßnahmen)
Die langfristige Rentabilität ist hier stärker zu beachten als bei 1) da ein solcher Ausbau oftmals von einer externen Förderung oder Kreditvergabe abhängen wird. Gerade im Fall einer Förderung steht also zu bedenken, dass eine Fehlinvestition evtl. nicht nur das Gebiet an sich betrifft sondern auch die fördernde Instanz, welche dringend benötigte Gelder andererseits besser benötigen könnte (hier fand ich das Beispiel mit der Mensa im Beitrag durchaus stichhaltig, wenn man dies auf lange Sicht sieht). Der gesamtwirtschaftliche Nutzen ist ebenfalls eine interessante Sache - Eine derart große Investition hat ein Ausmaß das die Entwicklung einer Region insofern beeinflussen kann, als dass diese die Entwicklung einer Region stark beeinflussen kann. Einerseits ist es möglich hier eventuell verlorengegangenes Potential zu relukrieren und andererseits eine Verlagerung der Gästeströme zu erreichen, um ein strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze zu schaffen und Wertschöpfung zu verlagern.

Vorhaben nach 3) Hier sehe ich das geringste Potential - Reine Neuerschließungen mögen im kurz- mittelfristigen Bereich oftmals eine Erhöhung der Rentabilität bewirken, allerdings sind diese im Vergleich zu 2) ebenso oft mit deutlich größeren Eingriffen in die Ökologie verbunden. Gerade dieses ökologische Problem wird in der derzeitigen Lage was die politische Stimmung und auch die allgemeine Einstellung der Bevökerung zum Skisport betrifft oftmals die möglichen Vorteile einer solchen Neuerschließung verhindern. Hier muss man allerdings dennoch unter der Prämisse, dass vor einigen Jahren noch nahezu jegliche Neuerschließung relativ problemlos möglich war differenzieren, um eine wenigstens langfristige Rentabilität und damit doch eine positive Gesamtbewertung des Projektes zu ermöglichen: Ergibt sich durch die geänderten Rahmenbedingungen im Skisport (anderes Publikum mit anderen Ansprüchen, Schneesicherheit die einst nicht nötig war, Überlastung der bestehenden Flächen ohne Alternative) eine solche Bedingung, dass eine Erweiterung auch unter ökologischen Gesichtspunkten begründbar ist? Anderenfalls wird diese Erweiterung in den meisten Fällen trotz eventuell begründbarer Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung negativ zu beurteilen sein

Wiederum anders sieht es bei Vorhaben nach 4) aus. Hier spielt im ersten Moment eine kurz- mittelfristige Rentabilität oftmals kaum eine entscheidende Rolle anderenfalls ist das Projekt ohnehin zum Scheitern verurteilt. Die Abwägung hat hier in einer Gegenüberstellung von Ökologie und Langfristigem Nutzen / Gesamtwirtschaftlichem Nutzen zu bestehen. Verbindungsprojekte beanspruchen ihrer Natur nach meist größere Flächen, eine Ausnahme mögen hier nicht zu behandelnde Verbindungen über wenige Meter bilden. Gleichzeitig bieten diese Projekte oftmals große Chancen auch weiträumig neue Gästeschichten anzuziehen oder sogar zu generieren. Auch hier sollte eine bessere Zusammenarbeit und Kommunikation stattfinden, dies würde es ermöglichen so etwas auch einfacher durchzusetzen gerade auch bei Widerständen der Umweltverbände. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen kann hier besonders groß sein, da auch über Gemeindegrenzen hinweg ein Paket geschnürt wird, welches die Schlagkräftigkeit einer Region auch auf lange Sicht verbessert. Daher müssten gerade hier etwaige Gutachten auch anders ausgerichtet sein als bei "kleineren" Projekten und eben diese Punkte deutlicher herausstellen um der Politik eine Perspektive zu bieten so etwas zu fördern und unterstützen.

Zuletzt zu 5) Etwas was m.E. viel zu wenig beachtet wird wo ich aber in den Mittelgebirgen auch zu wenig bewandert bin - Kann gerade auf Neuerschließungen auch in Betracht gezogen werden ohnehin unrentable Gebietsteile aufzulassen? Es gibt oftmals Bereiche, welche wenig frequentiert werden oder durch andere Projekte adäquat ja sogar besser ersetzt werden könnten, deren Auflassung im Rahmen der Gegebenheiten (Kulturlandschaft) durchaus einen Anreiz bieten können Gegner dazu zu bewegen ihre Blockadehaltung aufzugeben.

*noch ein Edit dazu*:
Grund für das posten hier waren u.a. einige der sehr interessanten Themen zur Entwicklung / Modernisierung die ich wieder einmal gelesen habe - Mir geht es auch bei der ganzen Idee nicht wie man villeicht im ersten Moment glauben mag um eine reine Bewertung von Neuanlagen sondern auch und v.a. um die Frage - Wo und Wann kann so etwas sinnvoll sein? Wo und Wann ist es besser Bestand zu erhalten?


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