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BeitragVerfasst: Mi, 06.06.2018, 11:21 
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RetroRebel
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Registriert: Di, 20.03.2007, 20:04
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Wie jedes Jahr stellt sich im Frühjahr dem Gletschergeneigten Bergfreund die grosse Frage "wie wird der Gletscherjahr heuer?"

Wie sich dem Klima schutzlos untergebene Lebewesen werden sie gerne dargestellt in Fernsehen, Zeitung und Skiforen. Die Gletscher als Lebewesen, die verstärkt jedes Jahr "leiden" müssen, denen es je nach Jahr mal "gut" mal "schlechter" geht. Schwerfällige große Tiere als Metapher, urlangsam sich bewegend, mit einer faszinierenden Erhabenheit der Größe.

Die meiste "Nahrung" für den Sommer erhält der Gletscher im Winter und insbesondere im Frühjahr. So ist jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Sommerausblick, da die Nahrungsdepots jetzt langsam dem Energiewandel ausgesetzt sind.



Da ich das Stilfserjoch gerne vom Schreibtisch aus beobachte (kann ja nicht immer dort sein (-: ) füge ich unten eine Webcambilderstrecke von 2014 bis 2018 an, jeweils vom 5.6 (+/- ein paar Tage falls schlechte Sicht). Zum einen lässt sich recht gut erkennen, dass heuer Anfang Juni ähnliche Schneemengen liegen wie im als besonders Schneearm geltenden 2017. Zum anderen zeigt sich wie in den Jahren zuvor deutlich mehr Schnee lag, insbes. 2014.


Welche Aussagen lassen sich für den heuer zu erwartenden Ausaperungsprozess am Gletscher treffen?

Hier muss zunächst zwischen zwei Höhenregionen differenziert werden, unterhalb und oberhalb der Firnlinie:

Zone 1: Ablationsflächen am Gletscher, im Sommer vollständig ausapernd. Dies ist (seit ich das beobachte, also ca. 2005) bis zur Isohypse ("Höhenlinie") etwas oberhalb vom Livrio der Fall, ca. 3150m. Entlang des Geisterlifts im untersten Bereich feuert die Sonne den Schneemantel jedes Jahr weg (tw. Ausnahme 2014), ab der Steilstufe ist zum Haushaltsende jedoch stets genügend Schnee übrig.

Zone 2: Der Akkumulationsbereich oberhalb der Firnlinie wo die Schneedecke für gewöhnlich nicht bis zum Eis wegtaut. Im Skigebiet ist dies oberhalb Steilstufe Geister oder obere 2/3 in der Cristallo/Payer Geländekammer der Fall.


Im Bild vom August 2017 kann man sich die Firnlinie zwischen Zone 1 und Zone 2 in etwa in Höhe der "Steilstufe" vorstellen, ca. 3150-3200m (grob geschätzt, müsste man vor Ort nachmessen wie hoch das dort tatsächlich noch ist)
Bild


Die Variation der Firnlinie

Spannend ist Konstanz oder Variation der Firnlinie zwischen Zone 1 und 2 über die Jahre hinweg. Bis in welche Höhe apert der Gletscher aus, wie wird es heuer aussehen?
Dies hängt für Zone 2 nicht nur vom Schneezutrag im Winter davor ab, sondern von mehreren bis sämtlichen Jahren davor. Bis Eis zum Vorschein kommt muss sozusagen das Integral sämtlichen Schneezutrags abtauen. Um den Schneezutrag abzuschätzen müsste dazu die jeweilige Scheehöhe zu Sommerbeginnn bekannt sein. Eine genaue Schneehöhenmessung am Stilfserjoch (>3000m) scheint es nicht zu geben. Zumal eine solche punktuell schwer zu messen wäre da je nach saisonaler Windverfrachtung die Ergebnisse bis zur Unbrauchbarkeit verfälscht würden. Daher erscheint es mir valide das subjektive Auge heranzuziehen, um als intuitiver Gradmesser die Schneehöhen über eine große Fläche anhand von Webcam Bildern zu klassifizieren.

Am Gletscher selbst ist es per Webcam schwer die Schneehöhe abzuschätzen, zumal es im Pistenraum keine freien Eisbrüche gibt.
Somit bietet sich die am Ortlerhaus auf etwa 3050 Meter positionierte Kamera an, die von dort in nördlicher Richtung zur Passhöhe 2750m zeigt.

Deshalb die Relevanz der Bilderstrecke für heuer:
2017 galt als Jahr mit außergewöhnlich starker Gletscherschmelze, die zwei Jahre davor würde ich als durchschnittlich (der letzten 15 Jahre) bezeichnen, 2014 als Schneereich.


Der Schneezutrag 2014 - 2018 bis jeweils Sommerbeginn

Als Schneehöhenpunkte auf einer Skala von 0 bis 10 lässt sich der Jahresgang in etwa wie folgt darstellen:[/b]

2014: 9 Besonders Schneereich
2015: 5
2016: 6
2917: 2 Besonders Schneearm
2018: 3


Abschätzung für 2018

Während 2017 und die 3 Haushaltsjahre zuvor insgesamt 22 Schneehöhenpunkte ergeben, sind dies heuer lediglich 16 Punkte.
Auch wenn (außer im Auge von Kris klarerweise) keine genaue skalare Differenzbildung sinnvoll ist (Likert Skala), und die Wahl von 3 Jahren Rückschau willkürlich sein mag, so ist der Unterschied zwischen 22 (2018) und 16 (2017) dennoch durchaus markant.

Der heuer starke Saharastaubeintrag im April 2018 wirkt sich zudem weiter Schmelzfördernd aus, bis zu 30% schneller als bei reinweissem Schnee.

Executive Summary:

Bei klimatisch "normalem" Sommerverlauf kann heuer mit einer übermäßig starken Gletscherschmelze am Stilfserjoch gerechnet werden. Die Firnlinie zwischen Zone 1 und Zone 2 kann sich heuer markant höher herausbilden als in den Jahren zuvor.
Möglicherweise wird die Steilstufe am Geisterlift komplett ausapern (auch die Senke), sowie noch weiter in Richtung Bergstation. Die Gletscherkammer zu Payer und Geisterlift kann heuer übermäßig weit und stark ausapern.
Insbesondere kann erwartet werden, dass der Abbügelbereich vom Payer Lift weiter absinkt und auch langfristig zum Problem wird (insbes. die Randspalte dort).



Anhang: Erhebung der Schneepunkte 2014 - 2018

Beim Beurteilen der Schneehöhe (nicht ganz eindeutig...) ist es hilfreich, die Proportionen der zwei Gebäude (alte Naglerhütte links, Marchisio ESL Bergstation rechts davon) und die Spurbreite der Fahrzeuge im Schnee heranzuziehen. Die Unterschiede sind größer als sie auf den ersten Blick erscheinen:

2014: 9 Schneehöhenpunkte
Bild

2015: 5 Schneehöhenpunkte
Bild

2016: 6 Schneehöhenpunkte
Bild

2017: 2 Schneehöhenpunkte
Bild

2018: 3 Schneehöhenpunkte
Bild


Lassen wir uns überraschen wie sich der Sommer entwickelt. Ich finde es übrigens gerne spannend wenn sich Gletscher zurückziehen, und zwar dort wo der Mensch in seinen ökonomisch geleiteten Tätigkeiten dies gar nicht anerkennen will..


Zuletzt geändert von krisu am Mi, 06.06.2018, 14:09, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Mi, 06.06.2018, 13:54 
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Registriert: Fr, 01.09.2006, 14:47
Beiträge: 1683
Wohnort: Canazei / Karlsruhe
wie immer sehr klar und kompetent erläutert, Kris!

ich mache seit ca. 30 Jahren ähnliche Beobachtungen an der Marmolada, nicht webcam-basiert, sondern als Bergsteiger und Gletscher"freund". Saharastaub ist v.a. im Spätwinter wie heuer "tödlich". Da kommt nur noch wenig weißer Schnee drauf, der ab Mitte/Ende Juni wieder weg ist, und dann brennt der dunkle Ofen... 2014 gab es im Februar auch einen starken Saharaeinbruch, aber der kam auf den Gletschern erst Ende Juli durch. Das war dann nicht ganz so einschneidend.

Deine Gesamteinschätzung für 2018 würde ich teilen. Einzig die 8 heißen Wochen seit Mitte April könnten in der Großwetterlage zu einem ähnlichen Effekt wie 2006 führen, nämlich dass sich anschließend eine kühle Großwetterlage in den heißesten Sommermonaten einstellt, die sich dann positiv auf die Massenbilanz auswirkt.

Weiter zurückverfolgt würde ich daher deine Schneepunkteskala ergänzen:

2000/01: 10 Punkte
2001/02: 7
2002/03: 1 (hinzu kam der Hitzesommer)
2003/04: 8
2004/05: 3
2005/06: 4 (heißer Juni/Juli, aber bereits ab Ende Juli dauerhaft kühle Temperaturen mit niedriger Schneefallgrenze)
2006/07: 3
2007/08: 4
2008/09: 9
2009/10: 8
2010/11: 6
2011/12: 5 (auch sehr heißer Bergsommer)
2012/13: 8

Was mir bei den eher stichpunktartigen Beobachtungen am Stifserjoch auffällt (v.a. am Gletscherbereich Livrio-Geisterspitze), ist die überproportionale Abhängigkeit vom Windeinfluss. Einige Jahre waren bzgl. der Niederschlagsmengen gar nicht so schneearm, aber der Windabtrag war v.a. bei Westwindlagen gigantisch.

_________________
the sands of time
were eroded by the river
of constant change


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BeitragVerfasst: Mi, 06.06.2018, 21:48 
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Registriert: Fr, 01.05.2009, 21:32
Beiträge: 69
Ich war letzte Woche wie so oft an Pfingsten im Vinschgau im Urlaub.
Ich würde die Schneelage im Ortlergebiet als durchschnittlich für die Jahresszeit einschätzen. Da gab es Jahre, wo es Anfang Juni weitaus weniger Schnee gab und ich Gipfeltouren machen konnte, an die heuer nicht zu denken waren. Aber es gab auch Jahre, wo es deutlich mehr Schnee gab.

2014 gab es etwas mehr Schnee und übrigens auch viel, eher noch mehr Saharastaub.

So ganz passen die Einstufungen und meine Einschätzung aus persönlichen Augenschein nicht zusammen.


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BeitragVerfasst: So, 10.06.2018, 20:42 
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Registriert: So, 18.12.2005, 19:12
Beiträge: 7084
Wohnort: innsbruck.at
krisu hat geschrieben:
Der heuer starke Saharastaubeintrag im April 2018 wirkt sich zudem weiter Schmelzfördernd aus, bis zu 30% schneller als bei reinweissem Schnee.
Gibt's da irgendwelche wissenschaftliche Studien dazu? Ich kann mich nicht erinnern, da einen sonderlichen Unterschied zwischen (halbwegs) weiß oder zumindest heller präparierten Pisten und braunem Gelände daneben in den Sommerskigebieten bisher gesehen zu haben ... Wenngleich ich schon spüre, dass Sandschnee oft früher nass aufweicht und nicht so schön firnig wird.

Was allerdings bei Sandschnee m.E. stärker ausgeprägt ist, ist dieser "Eierkarton-Schnee", der aber wiederum insb. dann im Juni / Juli oftmals auch recht lange ungemütlich hart sein kann und den Schnee selbst auch wieder etwas schützen könnte (Regen befördert den Sand in die Löcher/Töpfe, somit sind die Ränder wieder etwas weißer und durch die Ränder bildet sich in den Löchern/Töpfen kleine Kaltluftspeicher) ?

_________________
http://ski.inmontanis.info - http://blog.inmontanis.info
Überblick Berichte Ski-Saison 1.10.2016-30.9.2017 (116 Tage, 71 Gebiete)


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