Seit der Veröffentlichung der Fotoreportage des unermüdlichen Starli auf sommerschi.com im Februar 2019 wollte ich den richtigen Moment finden, um einen Lokalaugenschein in diesem Skigebiet zu machen, das als „eigenwillig“ zu bezeichnen eine geradezu grobe Untertreibung wäre.
Die Rochers-de-Naye gehören zunächst einmal zu den wenigen Skigebieten – wenn nicht sogar zum einzigen in Europa –, die ausschließlich per Eisenbahn erreichbar sind: Es gibt keine befahrbaren Straßen und keine Seilbahnen, nicht einmal Standseilbahnen, die dorthin führen. Hinauf gelangt man nur mit dem Zahnradzug der Transports Montreux–Vevey–Riviera, betrieben von der unsäglichen Eisenbahngesellschaft MOB (Chemin de fer Montreux Oberland Bernois).
Ein Besuch dieses Gebietes verlangt eine sorgfältige Planung und einen guten Sinn für Vorausdenken.
Wer nicht im reizenden Städtchen Montreux wohnt (das vor allem wegen des dort jeden Juli stattfindenden Jazzfestivals berühmt ist) und somit direkt an der Endstation in den Zug steigen kann, muss – wenn er mit dem Auto zum Skifahren in die Rochers-de-Naye fahren will – zwangsläufig in der Nähe der Haltestelle Haut-de-Caux parken. Achtung: Der Parkplatz ist bequem und erstaunlicherweise kostenlos, obwohl er vom unvermeidlichen schweizerischen Parkplatzeinweiser überwacht wird; zugleich ist seine Kapazität jedoch sehr begrenzt. Daher lautet das Gebot: rechtzeitig ankommen – konkret etwa eine halbe Stunde vor der Bergfahrt des Zuges. Wir sind in unserem Fall bereits um 8.30 Uhr angekommen, also mit gutem Vorsprung auf den Zug um 8.54 Uhr, den ersten am Morgen: Wir fanden problemlos einen Parkplatz und konnten ganz in Ruhe unsere Skiausrüstung anlegen. Ich rate jedem, diese erste Fahrt zu erwischen, auch weil sich der Parkplatz später mit Autos von Ausflüglern oder Gästen des benachbarten Restaurants füllt.
Ein zweiter Punkt, den man beachten sollte: Das Skigebiet ist in drei Sektoren unterteilt, die ausschließlich durch den Zug miteinander verbunden sind. Wer das Erlebnis dieses ungewöhnlichen Skigebiets auskosten möchte, kann so vorgehen, wie wir es getan haben (und wie auch Starli bei seinem bereits erwähnten Besuch vorgegangen war): Zunächst fährt man zur gleichnamigen Bergstation, zieht ein paar Schwünge auf dem kurzen Schlepplift (leider ist der doppelt so lange Kurven-KSSL, der sogar die Bahnlinie überquerte, inzwischen stillgelegt) und steigt anschließend zu Fuß in etwa fünf Minuten zum Gipfel (2042 m ü. M.) auf, um von dort ein Panorama über den Genfersee zu bewundern, das man mit dem Wort „atemberaubend“ kaum angemessen beschreibt. Offensichtlich wurde die Bahn ausschließlich zu touristischen Zwecken gebaut, und noch heute – mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Eröffnung – zahlen die Leute gern viel Geld (über 70 Franken für Hin- und Rückfahrt), um dort oben Erinnerungsfotos zu machen.
Danach kann man wieder in den Zug steigen. Die Skier werden aufrecht in einem speziellen Wagen transportiert, der bergwärts vorne und talwärts hinten angehängt ist; aus offensichtlichen Gründen kann der Zug nämlich nicht rangieren. Man steigt also an der ersten Haltestelle aus, nämlich La Perche (alle Haltestellen außer den Endstationen sind Bedarfshalte – man muss also winken, wenn man einsteigen will, oder den Knopf drücken, wenn man aussteigen möchte). Von La Perche führen zwei Abfahrten auf gegenüberliegenden Hängen hinunter: links, auf der Sonnenseite, der legendäre Itinéraire du Diable, der – wenn er befahrbar ist – ungefähr dorthin zurückführt, wo man das Auto geparkt hat; rechts, auf der Schattenseite, nachdem man zunächst eine Schneemauer überwunden hat, die sogenannte „Diagonale“, eine präparierte und sehr inspirierende Piste, die zur Talstation des Kurven-SL Jaman führt. Von dort geht es mit diesem Lift hinauf zur Buvette de Jaman, die zugleich die nächste Zughaltestelle nach La Perche ist. Von dort oben führt eine weitere Piste wieder zur Talstation desselben Lifts zurück und vereinigt sich auf halber Strecke mit der zuvor erwähnten Diagonale.
Mit diesem Lift immer wieder auf und ab zu pendeln ist alles andere als langweilig: Bei jeder neuen Abfahrt entdeckt man neue Varianten, die das Skivergnügen außerordentlich befriedigend machen. Das gesamte Jaman-Kar ist nach Norden ausgerichtet, und die Schneeverhältnisse bleiben dauerhaft winterlich; wenn dann um die Mittagszeit auf einigen Hängen der Schnee leicht auffirnt, ist der Höhepunkt des Gleitvergnügens erreicht. Für Liebhaber der Gattung: Der Jaman-Schlepplift hat zwei Kurven (nach rechts), einen separaten Rücklauf und – als krönenden Abschluss – kurz vor der Bergstation überquert er die Bahnlinie auf einer eigenen kleinen Holzbrücke.
Wenn schließlich „die Stunde des Teufels“ gekommen ist, bleibt nichts anderes übrig, als den Zug wieder bergwärts bis La Perche zu nehmen und sich auf den gleichnamigen Itinéraire zu stürzen: Wer ihn gefahren ist, sagt, dass dies eine der unvergesslichsten Skierfahrungen überhaupt sei. Er schlängelt sich teils durch Waldstücke, teils über natürliche Lichtungen, stets mit einem steilen Tiefblick auf den Genfersee (man braucht nur Starlis Fotos anzusehen, um das zu glauben). Die Route besitzt außerdem eine Variante; wenn möglich, sollte man sie daher mindestens ein weiteres Mal am selben Tag fahren. Je nach Schneelage kann man bis nach Caux hinunterfahren und dabei rund 800 Höhenmeter überwinden; von dort bringt ein Übungsschlepplift wieder hinauf nach Haut-de-Caux. Andernfalls kann man die Abfahrt an einer der drei vorherigen Haltestellen unterbrechen – der Reihe nach: Le Paccot, Crêt-d’y-Bau oder eben Haut-de-Caux. Wichtig ist nur, stets die Fahrzeiten des Zuges im Auge zu behalten: Es fährt einer pro Stunde!
Der Zug besteht aus zwei Wagen plus dem Wagen für Skier und Gepäck. Bei großem Andrang folgt unmittelbar ein zusätzlicher Zug, doch selbst dann kann es vorkommen, dass man keinen Sitzplatz findet – wie es an Wochenenden nicht selten geschieht.
In unserem Fall hätte der Schnee ausgereicht, um bis nach Le Paccot hinunterzufahren. Ein freundlicher Bergretter, der das Gebiet in- und auswendig kennt und mit dem wir uns lange unterhielten, riet mir wegen des faulen Schnees davon ab. Abgesehen davon, dass es gefährlich gewesen wäre, hätte auch der Skigenuss darunter gelitten – weshalb ich darauf verzichtete. Und außerdem stimmt es auch, dass man in den Bergen nie vorsichtig genug sein kann – eine Lektion, die man mit den Jahren immer besser lernt.
Den Itinéraire du Diable nicht gefahren zu sein, ist letztlich kein großer Verlust, auch wenn seine bloße Existenz ursprünglich der Hauptgrund für diese immer wieder verschobene Ortsbesichtigung gewesen war – zuerst wegen COVID, dann wegen Schneemangels oder Lawinengefahr. In den letzten zwei Jahren war der Diable nämlich aus dem einen oder anderen Grund stets offiziell geschlossen.
Es ist kein Bedauern – erstens, weil ich bei nächster Gelegenheit sicher einen neuen Versuch unternehmen kann (selbst ohne Magic Pass kostet die Tageskarte nur 37 CHF), und zweitens, vielleicht sogar vor allem, weil dieser Besuch mich die anderen Skiparadiese der Gegend entdecken ließ, die ich zuvor zu Unrecht vernachlässigt hatte: Das Skierlebnis in Jaman war schlicht außergewöhnlich.
Nachdem man hier Ski gefahren ist – in einem Gebiet, das mein Gefährte als „einen skifahrerischen Anachronismus: ein Skigebiet, das es eigentlich nicht geben dürfte, das aber existiert, widersteht und fortbesteht“ bezeichnet hat –, kommt mir als abschließender Gedanke, dass jemand wie mir buchstäblich die Lust vergeht, anderswo Ski zu fahren, schon gar nicht in den vielen "Komfortzonen", auf die sich das Skifahren nach und nach reduziert hat. Ich fürchte, ich beende hier die Saison.
































































Am Ende möchte ich mit einem Zitat aus Starlis Reportage schließen:
"Warum Rochers de Naye für mich das beste Skigebiet der Schweiz und eines meiner Lieblingsgebiete ist?
-die Tatsache, dass das Skigebiet sehr nostalgisch ist und nur mit Zahnradbahn und drei Schleppliften erschlossen ist (darunter ein Kurven-KSSL und ein Doppelkurven-SL)
-die drei unterschiedlichen Geländekammern (Gipfelbereich, Jaman-Bereich, Talskiroute) bieten viel Abwechslung
-die tolle, steile und abwechslungsreiche Diable-Talskiroute mit ständigem Tiefblick auf den Genfersee und ihren Varianten, die man maximal einmal pro Stunde fahren kann (weil der Zug nur einmal pro Stunde fährt) – für mich die beste Abfahrt der Alpen
-die großartige diagonale Perche-Abfahrt samt Varianten, die man ebenfalls höchstens einmal pro Stunde fahren kann
-das geniale Panorama über den Genfersee (wobei das Skigebiet auch ohne Seeblick großartig ist – dann hat man eben das Nebelmeer)"Und noch dies:
"Heute war so ein Tag, an dem man fast mit dem Skifahren aufhören möchte.
Wie soll ich den Rest der Saison überstehen? Es kann doch von jetzt an nur noch schlechter werden.
Wie soll man sich mit anderen Skigebieten begnügen, wenn man das hier haben kann?"